Womanomics – Wahrnehmung und Wirklichkeit einer weiblichen Wirtschaft

Female Shift, Gender Gap, Womanomics – um den vermeintlichen Trend der „Frauenquote“ kommt man kaum noch herum. Mit der voranschreitenden Emanzipation in den letzten Jahrzehnten hat sich auch der Weg für Frauen an die Spitze von Unternehmen immer mehr geebnet, barrierefrei ist er jedoch noch lange nicht. Es stellt sich also die Frage, was wirklich hinter dem Hype um die Frauenquote steckt. Wenn Unternehmen nun aus einer Art sozialpolitischem Gruppenzwang mehr Frauen anstellen, untergräbt dieses Pflichtgefühl dann nicht die Seriosität und Hintergründe des eigentlichen Themas? Was Frauen in Führungspositionen tatsächlich bewirken können und welche Frauen es uns in Deutschland vormachen, erfahren Sie hier.


Sie haben dieselbe Ausbildung genossen wie Ihr Kollege, Ihren Abschluss zur gleichen Zeit mit der gleichen Note gemacht und sind beide beim selben Unternehmen angestellt worden. Ein paar Jahre später winkt die Beförderung zur Teamleitung – und trotzdem machen nicht Sie, sondern Ihr männlicher Mitstreiter das Rennen um die offene Position. Auf den ersten Blick gibt es vielleicht keinen offensichtlichen Grund für die Entscheidung, auf den zweiten und dritten Blick wird jedoch klar, dass Ihr Risiko bald eine Familie gründen zu wollen höher eingestuft wurde als das Ihres Kollegen. Was komplett veraltet und absolut nicht nach Gleichstellung klingt, ist leider auch heutzutage noch Gang und Gäbe, wenn es um die Besetzung wichtiger Führungspositionen geht.


Aber sind Männer wirklich die besseren Führungskräfte?

Selbstreflektion ist eines der wichtigsten Attribute, die eine gute Führungskraft innehaben sollte. Nur, wer eigene Fehler erkennt und dazu steht, kann auch andere glaubwürdig bei Entscheidungen leiten. Aber auch Offenheit, ein umfassendes Pflichtbewusstsein, eine hohe Stresstoleranz und Extraversion sind Faktoren, die erfolgreiche Leitpersönlichkeiten auszeichnen. Wie passt das nun zu den (teils klischeehaften) typischen Eigenschaften von Männern und Frauen? Ersteren wird häufig zugeschrieben, diszipliniert, risikofreudig, entschlossen und kompetitiv zu sein, während man(n) glaubt, dass Letztere eher ihre Sozialkompetenz, Dialogorientierung und Hilfsbereitschaft ausmachen. Verglichen mit den genannten Führungsattributen lässt sich also nicht pauschal sagen, ob nun Männer oder Frauen die besseren Grundvoraussetzungen bieten.


Warum also sind Frauen in Führungspositionen noch immer unterbesetzt?


Mit der sogenannten Frauenquote soll sichergestellt werden, dass Frauen in der Gesellschaft, Politik sowie Wirtschaft den Männern gleichgesetzt werden. Wirft man einen allgemeinen Blick auf die verschiedenen Berufsgruppen, fällt auf, dass besonders hauswirtschaftliche sowie organisatorische Berufe im Verwaltungsbereich noch mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden.


Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Statista „Anteil von Frauen und Männern in verschiedenen Berufsgruppen in Deutschland am 30. Juni 2020“


Ähnlich ungleich verteilt sieht es auch in den Führungsetagen deutscher Unternehmen aus: hier beträgt der Anteil an Frauen nur 29,5 Prozent, in den Top 200 deutschen Unternehmen sogar nur 11,5 Prozent (Stand: 2020).

Interessant ist in diesem Zusammenhang vor allem die Korrelation zwischen Führungskraft und Umsatz des Unternehmens. Amerikanische Forscher fanden heraus, dass ein bis zu 30 Prozent höherer Frauenanteil in der Führungsebene durchschnittlich zu einem 15 Prozent höheren Umsatz führen kann. Schön blöd also, wenn sich lieber an traditionell patriarchalischen Strukturen festgeklammert wird, anstatt Raum für zeitgemäße Neuorientierungen zu schaffen.

Die gute Nachricht ist: die altbackene Rollenverteilung der Geschlechter befindet sich seit ein paar Jahrzehnten im Wandel und Frauen werden immer selbstbewusster, sowohl in ihrem Privat- als auch Arbeitsleben. Niemand muss mehr bis spätestens 30 verheiratet sein oder Kinder bekommen, wer Karriere machen möchte, der kann das auch. So werden beispielsweise die früher männerdominierten Berufsfelder Medizin, Rechtswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften nach und nach von Frauen erobert, während bereits jeder vierte Mann in Deutschland die Möglichkeit zur Elternzeit in Anspruch nimmt (vor ein paar Jahren noch undenkbar!). Dementsprechend sollte also auf der einen Seite nicht nur Platz für Frauen in den Führungsetagen geschaffen, sondern auf der anderen Seite auch für Anreize und Wege für Männer gesorgt werden, die es ihnen ermöglichen, Karriere und Familie zu verbinden.

Natürlich wird sich die Problematik um die Gender Gap nicht von jetzt auf gleich auflösen, nur weil alle darüber reden. Es gibt jedoch auch heute schon eine Vielzahl an Frauen, die es an die Spitze der deutschen Führungsebenen geschafft haben und uns zeigen – es ist möglich.


Dies sind fünf der einflussreichsten Frauen in der deutschen Wirtschaft:


Manuela Better

Die Münchener Betriebswirtin machte sich als erfolgreiche Risikomanagerin im Finanzsektor einen Namen und verhalf so der Hypo Real Estate Holding AG als CEO aus der Krise. Von 2015 bis 2020 saß sie außerdem im Vorstand der DekaBank.


Martina Merz

Die Maschinenbauingenieurin ist seit Oktober 2019 Vorstandsvorsitzende der thyssenkrupp AG und wurde 2020 vom Forbes Magazin auf Platz 19 der „100 einflussreichsten Frauen der Welt“ gewählt. Somit wird sie auch als die mächtigste Frau der deutschen Wirtschaft bezeichnet.


Isabel Schnabel

Die gebürtige Dortmunderin sitzt im Vorstand des wirtschaftswissenschaftlichen Reinhard Selten Institutes in Bonn, ist Professorin für Finanzökonomie und seit 2020 Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank.


Özlem Türeci

In der Türkei geboren – in Deutschland Karriere gemacht. Spätestens seit Herbst 2020 sollte jeder den Namen Özlem Türeci kennen, schließlich war sie es, die zusammen mit ihrem Ehemann Uğur Şahin den COVID-19 Impfstoff des selbstgegründeten Unternehmens BioNTech entwickelt hat. Seit 2018 sitzt sie bereits im medizinischen Vorstand des Unternehmens.


Belén Garijo

Belén Garijo kam 2011 zum Pharmakonzern Merck und wurde 2015 Präsidentin und CEO der Sparte Healthcare. Dank der von ihr vorgenommenen Neupositionierung des Portfolios und Transformation des Geschäftsmodells wurde die Sparte zu einem Schlüsselakteur in den Bereichen Onkologie, Immunologie und Immunonkologie.



Fazit: Noch besteht in Deutschland ein großer Nachholbedarf, um die Gender Gap zu überwinden und Frauen die gleichen beruflichen Möglichkeiten wie Männern zu gewährleisten. Gleichermaßen wichtig werden jedoch auch in Zukunft unterstützende Strategien für „den neuen Mann“ – hier dürfte es nicht jedem auf Anhieb leichtfallen, sich in einer feminisierteren Gesellschaft zurechtzufinden. Fakt ist jedoch: das Patriarchat hat seine Grenzen erreicht.

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