Mythos Multitasking – Warum Du es lassen solltest

Wer hat es nicht schon mal versucht? E-Mails beantworten, Telefonieren, Musik hören – und das alles gleichzeitig. Am besten noch parallel dazu auf Instagram herumhängen. Vieles auf einmal zu erledigen und später weniger zu tun haben, hört sich im ersten Moment doch gar nicht so schlecht an, oder? Wenn jedoch Effizienz und Leistung unter dieser erzwungenen Produktivität leiden, kann sich das Ganze schnell ins Gegenteil verwandeln. Doch was genau macht Multitasking so schlecht und was sind die Folgen?

Viele Menschen denken noch immer, dass sie beim Multitasking höchst produktiv arbeiten. Jedoch ist es dem Menschen genau genommen gar nicht möglich, wie die Hirnforschung der letzten Jahre bewiesen hat. Zumindest dann nicht, wenn es sich um die Erledigung mehrerer anspruchsvoller Aufgaben zur gleichen Zeit handelt. Dazu bräuchte man nämlich eine Art Mehrkernprozessor, das menschliche Gehirn bewältigt allerdings (wenn überhaupt) nur die schnelle Umschaltung zwischen mehreren einfachen Tasks, da unser Denkapparat eher mit einem Einkernprozessor vergleichbar ist.


Was dagegen spricht

15 Minuten, dann Vollgas (oder auch nicht)

Der Mensch braucht im Durchschnitt 15 Minuten ungestörtes Arbeiten, um sich einer Sache produktiv und voll konzentriert widmen zu können. Wenn diese „Eingewöhnungsphase“ unterbrochen wird, egal, ob durch externe Störfaktoren oder durch uns selbst, brauchen wir wieder 15 Minuten, um volle Konzentration zu erlangen. Wenn wir nun also ständig zwischen der Erledigung mehrerer Aufgaben wechseln, kann diese Phase der vollen Konzentration gar nicht erst erreicht werden. Um produktiv zu arbeiten, sollte man stattdessen versuchen, eine Sache nach der anderen abzuarbeiten.


Die Sucht

Insbesondere junge Leute leiden unter regelrechten Entzugserscheinungen, wenn sie nicht regelmäßig auf ihr Handy schauen oder im Minutentakt ihre Mails checken. Klingt vielleicht übertrieben, lässt sich aber leicht erklären: Der Erhalt von Nachrichten sendet Signale an unser Gehirn, die uns das Gefühl geben, wichtig zu sein. Dieses Gefühl liefert uns persönliche Bestätigung und kann auf Dauer abhängig machen. Doch was hat das mit Multitasking zu tun? Unter Multitasking versteht man das ständige Switchen zwischen Aufgaben oder allgemeinen Beschäftigungen, dazu zählt auch das Lesen und Beantworten von Textnachrichten. Wer also häufig den Drang verspürt, innerhalb kürzester Zeitabstände seine Instagram-Direktnachrichten nach den neuesten Memes zu durchsuchen, ist durch diesen Blick aufs oder sogar die Interaktion mit dem Handy stark von der eigentlichen Aufgabe abgelenkt. Wie wir gerade gelernt haben, brauchen wir dann erst wieder an die 15 Minuten, um unsere volle Konzentration zurückzuerlangen.


Halbes Hirn

Durch Multitasking fühlen wir uns beschäftigt und denken, wir hätten heute super viel geschafft. Aber Fehlanzeige - tatsächlich schränkt es unsere Produktivität ein und lässt uns mit „halbem Hirn“ arbeiten. US-Forschungen haben ergeben, dass wir durch das parallele Bearbeiten von mehreren Aufgaben einen Leistungsabfall von ca. 40 Prozent haben.

Eng damit verbunden ist auch das persönliche Wohlbefinden, denn wer sich selbst als leistungsfähig einschätzt, erhöht dieses. Wenn man also durch das Multitasking an dem Punkt angelangt ist, an dem sich die Aufgaben immer weiter ansammeln, man mit den Erledigungen allerdings schlichtweg nicht mehr hinterherkommt und somit seine persönlichen oder beruflichen Ziele nicht mehr erreicht, kann das wiederum unser Wohlbefinden negativ beeinflussen.


Dümmer durch Multitasking?

Der Hippocampus ist als ein Teil des Gehirns beim Menschen dafür verantwortlich, Informationen über längere Zeit abzuspeichern. Informationen, die zeitgleich verarbeitet werden, landen jedoch in anderen Arealen unserer Denkzentrale. Doch kann Multitasking wirklich unseren Intelligenzquotienten beeinträchtigen? Forschungen der Universität von London wiesen schon vor vielen Jahren nach, dass Multitasking unseren IQ zeitweise sogar auf das Niveau eines achtjährigen Kindes senken kann und dass wir, während wir kognitive Aufgaben mit anderen Dingen kombinieren, so denkfähig wie nach einer schlaflosen Nacht sind. Laut dem Psychologiemagazin „Psychology Today“ schadet das unserem Denkvermögen dauerhaft.


Frauen können´s trotzdem?

Lasst uns noch kurz die evolutionsbiologische Seite klären. Männer parken besser ein und Frauen sind dafür multitaskingfähig? Was ist an diesen Klischees dran? Richtig, nichts. Die Studienlandschaft der letzten Jahre konnte empirisch keine eindeutigen Ergebnisse feststellen. Experimente mit gleichem Frauen- sowie Männeranteil haben ergeben, dass wir alle gleich schlecht (oder gut) sind. Das Erledigen von verschiedenen Aufgaben gleichzeitig wirkte sich in diesen Studien bei beiden Geschlechtern negativ auf die Umsetzung der Tasks aus.


Anatomie sagt Nein

Joggen und Musik hören funktioniert ganz gut, oder? Das liegt daran, dass Laufen und Zuhören keine komplexen Aufgaben für gesunde Menschen darstellen. Französische Neurologen fanden bei einem Experiment heraus, dass die zwei Frontallappen des Gehirns, welche vorne im Schädel liegen, eine einzelne Aufgabe gemeinsam verfolgen. Bei mehreren parallelen Aufgaben teilen die zwei sich die Kapazitäten.

Die beiden Frontallappen arbeiten also keinesfalls simultan, sondern wechseln sich permanent untereinander ab, sogar im Millisekundentakt.

Kurz gesagt: Das Gehirn kann zwar verschiedene Sinnesreize gleichzeitig verarbeiten, jedoch ist es nicht in der Lage, auf diese Reize zeitgleich zu reagieren. Wenn wir zum Beispiel versuchen, während eines Gesprächs Informationen mitzuschreiben, kriegen wir nur einen Teil des Gesagten mit.


Fazit: Was haben wir also gelernt? Anatomisch gesehen ist Multitasking für unser Gehirn schlichtweg nicht möglich, da Aufgaben immer abwechselnd abgearbeitet werden. Anstatt zu versuchen, alles gleichzeitig zu erledigen, arbeite lieber an Deiner Konzentrationsfähigkeit und widme Dich einer Aufgabe nach der anderen. So sparst Du Dir Nerven und bist gleichzeitig wirklich produktiv.

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