Keine Schwächen sind auch keine Stärke – so managst Du Fehler im Job

Es ist passiert, der Moment, vor dem Du Dich die ganze Zeit gefürchtet hast. Am liebsten würdest Du vor Scham im Erdboden versinken oder einfach für die nächsten Tage von der Bildfläche Deiner Vorgesetzten und Mitarbeitenden verschwinden. Du hast einen Fehler gemacht, der jemand anderem vielleicht nicht passiert wäre, und wirst dafür kritisiert oder gar verspottet. Aber Moment, können wir nicht alle manche Dinge besonders gut und befinden uns dafür in anderen Bereichen (im besten Fall) eher im unteren Mittelfeld? Und was ist mit Deinen ganzen Erfolgen, die viel stärker ins Gewicht fallen sollten? Leben und arbeiten wir tatsächlich in einer Fehlerkultur, in der man sich keinen Fehltritt erlauben darf?

Wer das Wort „Selbstmanagement“ hört, denkt automatisch gleich an Potenzialanalysen, Motivationscoachings oder Persönlichkeitsentwicklung. Dabei kann Selbstmanagement schon bei zwei einfachen Bereichen anfangen: Deinen Stärken und Deinen Schwächen. Bestimmt haben wir alle in dem ein oder anderen Bewerbungsgespräch schon mal verlauten lassen, dass wir eigentlich nur „positive“ Schwächen wie Perfektionismus oder Dickköpfigkeit haben, aber seien wir mal ehrlich – so perfekt ist niemand von uns und das ist auch gut so. Schwierig wird es erst dann, wenn man sich der eigenen Talente sowie Lücken nicht bewusst ist.


Wie identifiziere ich meine Stärken und Schwächen?


Wenn wir danach gefragt werden, fallen uns meistens zuerst unsere Stärken ein, schließlich wird uns ja die Chance geboten, uns von unserer besten Seite zu präsentieren und endlich mal ein bisschen damit anzugeben, was wir besonders gut können. Bei der Frage nach den Schwächen müssen wir schon länger überlegen, sicherlich fällt uns schnell ein, dass wir manchmal schusselig sind oder selten als erste am verabredeten Treffpunkt erscheinen, aber diese Blöße möchte man dem Gegenüber natürlich nicht gleich auf die Nase binden. Aber warum eigentlich nicht? Es macht keinen schlechteren Menschen aus uns, wenn wir öfter mal zu spät kommen oder unseren Schlüssel diesen Monat schon zum dritten Mal verlegt haben. Wäre es nicht zur Abwechslung mal erfrischend, wenn jemand diese Frage ehrlich beantworten würde und so eine ganze Menge Selbstbewusstsein beweist?


Leider werden Schwächen in unserer Gesellschaft häufig mit Mängeln gleichgesetzt, also von vorneherein negativ denunziert. Es gilt, eine Schwäche zu kaschieren und sich stattdessen so tadellos wie möglich zu präsentieren. Wir denken, dass wir durch das Offenlegen unserer Schwachstellen eine Angriffsfläche schaffen und uns so selbst unsere Chancen verbauen, dabei ist nicht selten das genaue Gegenteil der Fall. Wer offen darüber reden kann, zeigt, dass er oder sie sich damit auseinandergesetzt hat, sich über seine echten Schwächen im Klaren ist und sich nicht scheut, sie hinter ausgeschmückten Floskeln zu verbergen. Genau das ist es auch, was Personaler:innen im Vorstellungsgespräch testen möchten, die perfekt einstudierten Antworten geben wenig Aufschluss über die Einzelperson, eine ehrliche Antwort hingegen zeugt von Stärke. Und schon hast Du Deine erste starke Kompetenz gezeigt: Selbstvertrauen.


Um nun Deine eigenen berufsbezogenen Schwächen zu benennen, kannst Du Dir die folgenden Fragen stellen:


  1. Welche Situationen vermeide ich grundsätzlich?

  2. Bei welchen Aufgaben bekomme ich Bauchschmerzen?

  3. Woran scheitere ich immer wieder?

  4. Was stresst mich besonders/ Wann fühle ich mich überfordert?

  5. In welchen Situationen muss ich öfter mal um Hilfe bitten?


Sobald Du die Antworten zu diesen Fragen gefunden hast, kannst Du Dich mit dem „Warum?“ auseinandersetzen. Warum vermeide ich diese oder jene Situation? Warum stressen mich Telefonate so sehr? Warum muss ich hier immer um Hilfe bitten und traue mich nie, es einfach auf meine Weise zu versuchen?


Hast Du diese Knackpunkte erst einmal entschlüsselt, kannst Du an den Ursprüngen Deiner Schwächen ansetzen und Dir für jede einzeln überlegen, was Du besser machen könntest. Aber keine Panik, es ist nicht das Ziel, fehlerlos zu sein, sondern vielmehr selbstbewusst mit Deinen Schwachpunkten umzugehen.


Wie gehen Unternehmen mit dieser Fehlerkultur um?

Oftmals hängt das Gelingen und Scheitern stark mit der jeweiligen Fehlerkultur des Unternehmens zusammen. Wer in einer Atmosphäre arbeitet, in der Fehler bestraft werden und schon bei dem kleinsten Vergehen um den Arbeitsplatz gebangt werden muss, arbeitet stets bedacht und steht Herausforderungen sehr skeptisch gegenüber. Hier werden Schwächen mit Mäkeln gleichgesetzt und sind somit mehr oder weniger tabu. Darunter leidet zum einen die Kreativität der Mitarbeitenden und zum anderen werden ihre Ambitionen von vorneherein in eine negative Richtung gelenkt.

Wer hingegen in einem Unternehmen mit einer positiven Fehlerkultur arbeitet, muss sich nicht vor seinen Schwächen fürchten, da daraus entstehende Fehler konstruktiv betrachtet werden und, ganz nach dem Motto „try and error“ als Weiterentwicklungschancen dienen können. Wer einmal einen Fehler gemacht hat, wird ihn kein zweites mal machen, sondern schöpft aus diesem Lerneffekt beim nächsten mal neue Ideen und Herangehensweisen. Um eine fortlaufende Entwicklung der Mitarbeitenden zu fördern, können Fehler folglich auch als Innovationstreiber betrachtet werden.


In der Realität ist es leider häufig so, dass auf einmal alle bisherigen Erfolge in den Hintergrund gerückt werden und der Fokus allein auf den einen dummen Fehler gelegt wird, der nun alles zu überschatten droht. Je nach Schwere des Fehlers möchte man infolgedessen am liebsten alles hinschmeißen und nie wieder etwas mit dem Projekt oder dieser Aufgabe zu tun haben. Auch wenn man alles davor richtig gemacht hat, sprechen nun alle nur noch von dieser missglückten Tat.

Leider spiegelt genau dieses Verhalten unserer Mitmenschen das System wider, in dem wir leben und arbeiten: Wem ein Patzer passiert, der wird dafür ausgelacht und alle Errungenschaften bis dato werden vergessen. Dabei machen die meisten Menschen viel mehr richtig als falsch, werden aber zu selten für ihre Resultate gelobt. Kritik geht vielen schneller von der Hand als ein ehrliches Lob.


Was können Unternehmen stattdessen tun?

So wichtig wie sie ist, so mangelhaft ist auch eine offene Diskussionskultur in deutschen Unternehmen. Laut einer Studie von Ernst & Young (EY) unterlaufen knapp 80 Prozent der befragten Führungskräfte Fehler, die für einen reibungslosen Betriebsablauf hinderlich sind, aber von ihnen selbst vertuscht werden. Gleichzeitig demotiviert es 57 Prozent der Mitarbeitenden, wenn sie keine richtigen Vorbilder einer funktionierenden Fehlerkultur haben. Wie sollte es auch anders sein? Wem dauernd vorgelebt wird, dass alles perfekt läuft und die Vorgesetzten sowieso alles immer richtig machen, der wird sich kaum trauen, mal ein Risiko einzugehen und dafür einen Fehler in Kauf zu nehmen.


Natürlich bedeutet eine positive Fehlerkultur nicht, dass alles hingenommen und Fehler sogar verlangt sein sollten. Es kommt vielmehr auf die offene Diskussion und einen professionellen Umgang damit an. Nun sollten Fehltritte zwar nicht in großer Runde breitgetreten werden, aber auch strenge Gespräche unter vier Augen können einschüchternd wirken. Oftmals ist der Mittelweg im Rahmen eines Gesprächs mit dem betroffenen Team die beste Lösung, um über das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Nicht selten handelt es sich nämlich gar nicht um tatsächliche Schwächen, sondern einfach um Thematiken, in denen der Mitarbeitende nicht so bewandert ist wie in anderen. Wer zusammen mit seinen Mitarbeitenden diese Lücken aufarbeitet, gibt ihnen im Idealfall sogar die Chance, sie in Stärken umzuwandeln.


Fazit: Sollte Dir doch mal (wieder) ein Fehler passieren, erinnere Dich daran: Du bist sicherlich nicht die erste Person, der in Deinem Arbeitsumfeld ein Fehler unterlaufen ist, und mit Sicherheit auch nicht die letzte. Sh*t happens!

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